Zauberer Zordarak und das Auge im Himmel.

Es begab sich, dass der Zauberer Zordarak einiges auf dem Markt kaufen musste. Selbst musste er es verrichten, denn sein Hausmädchen Maria Menetekel war diese Woche bei Ihren Eltern zu Besuch. So machte er sich bereit, legte die Ausgehkleider an und setzte den Hut mit der breiten Krempe auf. Der Hut war Ihm besonders wichtig, denn die Sonne schien ganz unerbärmlich heiß und das war er nicht gewohnt in seinem Gemäuer. Wie die meisten anständigen Zauberer lebte er nämlich in einem großen, dunklen Turm. Manche Zauberer lebten sogar in Elfenbeintürmen, aber das war Zordarak doch etwas zu viel.

Natürlich durfte er auch nicht sein Loch an der Kette vergessen. Ihr wisst nicht was das ist? Nun, normale Menschen tragen Ihre Sachen in Taschen mit sich herum, wenn Sie einkaufen gehen. Doch Zauberer sind schlauer. Sicher habt Ihr schon einmal ein Loch in einer Tasche gehabt. Und sicher habt Ihr dann gemerkt, dass in ein Loch doch viel mehr hineingeht, als in eine Tasche. Sowieso trägt sich ein Loch ja viel einfacher als eine Tasche, denn eine Tasche ist ja aus Stoff und ein Loch eben nicht. Überhaupt ist so ein Loch ja etwas faszinierendes. Wenn man eine Tasche füllt, dann wird die Tasche mit jedem Stück schwerer, ein Loch hingegen wird nie schwerer, egal wie viel man auch hineinstopfen mag. Es fällt einfach hinein und schwupps! Ist das Loch so leicht wie ehedem.

Deshalb trägt jeder Zauberer, der etwas auf sich hält mindestens ein Loch bei sich. Manche von Ihnen tragen es bevorzugt in Ihren Taschen, doch dann vergessen Sie manchmal, dass eines in selbiger ist und schieben ein weiteres Loch hinein. Und dann wird es kniffelig, denn wenn das Loch ins Loch fällt… doch das führt jetzt zu weit.

Der Zauberer Zordarak hielt es da lieber einfach. So hatte er bei Zeiten ein silbernes Kettchen durch das Loch gefädelt; was ja nicht schwer war, da es ein Loch war; und so das Loch daran aufgehängt. Und das andere Ende des Silberkettchens machte er fest am untersten Knopfloch seiner Jacke. So baumelte das Loch lustig am Kettchen vor sich hin, wie er zum einkaufen ging.

Der Nachmittag verflog schnell und der Zauberer hatte alles wichtige sich besorgt, was er denn nun gebrauchen könnte. Vieles war für seine Forschung, doch auch seinem Magen gedachte er und kaufte noch ein paar Zwiebeln, Knoblauch und Käse. So verstaute er alles gut in seinem tragbaren Loch und spazierte nach Hause.

So kam er denn zurück zu seinem Turm und wollte gerade aufsperren, da lugte plötzlich ein riesiges Auge hinter dem Turm hervor. Das war doch ziemlich ungewöhnlich, so ein gigantisches Auge, wie es da so allein, ganz ohne zugehörigen Kopf, im Himmel schwebte.

„Wer bist denn du?“ fragte der Zauberer.

„Der Beobachter.“ Sprach das Auge im Himmel.

„Was machst du denn hier?“ sprach der Zauberer.

„Dich beobachten.“ Kam denn als Antwort.

Das war nun keine wirklich befriedigende Aussage für den Zauberer.

„Ja und warum?“

„Damit du nichts schlechtes tust“

Wie das so ist bei höflichen Zauberern wünschte er daraufhin das Auge zum Teufel. Was Ihm denn einfiele! In die Hölle solle sich das dumme Ding scheren und Ihn nicht mehr belästigen. Doch irgendwie fühlte sich das Auge nicht angesprochen. Vielleicht meinte es ja, er bezeichnete ein anderes Auge im Himmel als Haderlump und Hammel. Auch andere Tiere, Esel, Hund und Schwein gesellten sich auch gleich hinzu. Jedenfalls füllte sich der Himmel noch einige Zeit mit Bezeichnungen von Tieren, alten Kleidern und noch so allerlei anderem Gerät, bis der Himmel voller war als jede Scheune.

Doch das Auge sah Ihm nur belustigt dabei zu wie er sich aufregte und wild in der Luft rumdeutete.

„Warum beobachtest du keinen anderen! Gibt es doch so viele Verbrecher auf der Welt!“

„Ja, aber die zu beobachten ist so schwierig. Da beobachte ich lieber dich.“ Gluckste das Auge.

„Aber das macht doch keinen Sinn, wenn du die Braven beobachtest und die Bösen unbehelligt lässt!“

„Ja aber so viel einfacher ist‘s! Den Verbrechern muss man immer hinterhereilen und Sie in den dunklen Gassen aufstöbern. Und wenn ich denn einen Verbrecher erwische und es dem Dorfwächter erzähle, dann traut der sich manchmal gar nicht, denen auf die Finger zu klopfen. Denn er ist nur einer, und die Gauner schnell in der Überzahl. Bei dir ist’s mir herrlich bequem. Du machst nichts böses und wenn du doch was kleines falsch machst, dann traut sich der Dorfwächter doch viel leichter, dich zu strafen. Du tust ja keinem was und alleine bist du auch noch.“

Da rief der Zauberer „Ja was hat denn das mit Recht und Gesetz zu tun, was du mir da aufschwatzt! Das Gesetz das gilt für alle gleich!“ Da kullerte das Auge im Himmel vor Lachen herum.

„Ja für alle gilt es gleich, doch bist du in der Überzahl ist‘s ein anderes Gesetz. Denn Gesetze macht die Übermacht. Und Überzahl macht Übermacht.“

Und noch bevor das Auge ein weiteres Wort sagen konnte knallte Zordarak mit Vehemenz die eicherne Türe hinter sich zu. Doch es kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn‘s dem Bösen Nachbarn nicht gefällt, egal wie hart man die Haustür auch zuschlägt. So folgte das Auge nun vergnügt dem Zauberer mit Blicken durch die Fenster, Erker und sogar Ritzen des Turms. Und Ritzen gab es genug im Turm, denn so gehörte es sich schließlich für eine Zaubererunterkunft. Was wäre das denn für ein Zauberer gewesen, wenn der Wind nicht durch alle Ritzen pfiff?

So ließ Ihm denn das Auge keine Ruhe. Wenn Zordarak am Tisch saß und sich gerade eine Tasse aus der Kanne einschenkte, schaute es Ihm durch das Fenster zu. Selbst wenn der die Vorhänge zuzog fand das vertrackte Ding immer noch einen Winkel, aus dem es Ihm zuschauen konnte. Wenn er in seinen Garten ging, um die Kräuter zu gießen und ein paar abzuschneiden für den nächsten Zaubertrank ließ der Blick des Auges nicht ab von Ihm. Kein Geheimnis wollt das Auge Ihm lassen, wollt immer wissen was er tat. Selbst das Lesen seiner Bücher wurde ihm verdrieslich. Die Zauberbücher konnte er nicht aufschlagen, denn schon wenn er den Einband aufklappte schnüffelte das Auge um die Ecke und wollt das eine oder andere Geheimnis erhaschen. Und auch andere Bücher konnte er nicht lesen, denn immer wenn er eines öffnete war das Auge schon zur Stelle und sagte „Oh, das kenn ich! Da stirbt der Held am Ende.“.

So konnte es nicht weitergehen, es wurde dem Zauberer Zordarak dann doch zu bunt. Erst gestern hatte er das Auge ertappt, wie es Ihm beim Duschen zusah. Dabei hatte er die Regenwolke doch so leise in Zimmer beschworen! Es ging ja noch, dass das Auge Ihn so unverhohlen verfolgte, doch was würde Maria Menetekel sagen, wenn Sie morgen zurückkäme?

Was würde Sie sagen zu dem Auge, wie es Ihr überall nachspionierte? Sie würde doch gleich wieder gehen, denn kein Mensch bei Verstande würde sich freiwillig wie ein Verbrecher behandeln lassen. Verbrecher gehören in die Ketten und gute Menschen nicht. So sollte es sein. Wobei er ja schon gehört hatte, manche Menschen soll es geben, die sich gern in Ketten legen lassen. Doch jedem Tierchen sein Plaisierchen.

Bereit zum Kampfe sprang er hinaus zur Tür und stellte sich seinem Beobachter. Was wär er denn für ein Meister der magischen Kräfte, wenn er sich da ins Bockshorn jagen lies? Den Zauberstab schwang er mächtig, um seines Unbills sich zu entledigen. „Hinfort, Hinfort, an düstren Ort, der deiner mehr gebührt, wo Schatten nur die Tage kürt!“

Der Wind fuhr auf, der Sturm hob an. An aller Kleidung zieht und zerrt der Wind, leckt über Steig und Hecken, biegt die Bäume kräftig, reisst mit, was nicht Niet- und Nagelfeste.

Doch das Auge blieb einfach da im Himmel stehen, es kullerte nur fröhlich um die eigene Achse. „Hoho, Zauberer halt ein, mir wird ja ganz schwindelig.“ Lachte das Auge.

Da sah er ein, im Guten war hier nichts zu gewinnen. Blitz und Donner beschwor der Zauberer, bog die Bahn der Himmelsspeere, um Sie gegen das Auge zu senden. Doch das schwappte nur nach links und rechts und ließ diese kichernd passieren. „Hach Zauberer, da musst du aber noch üben. Das zaubern mag deins sein, das zielen aber nicht!“

Da setzte sich der Zauber verdrossen auf einen großen Stein und dachte nach. Was war das aber auch für eine vertrackte Crux! Mit Magie war dem Ding jedenfalls nicht beizukommen. Das war höchst betrüblich, ist doch gerade das Zaubern jene Tätigkeit, auf die sich ein Zauberer besonders gut versteht. Man wage gar zu sagen, er hätte es gelernt.

So saß er einige Zeit da und dachte nach. Und wie er so nachdachte saß er noch ein bisschen länger da. Doch dann! Welch Idee! Welch virtuoser Streich von Gottes Gnaden!

Schnell sprang er auf und eilte in den Turm, was natürlich das Auge ganz brennend interessierte. War Ihm doch schon ganz langweilig von diesem vor sich hinbrütenden Zauberer. Hätte es das Auge nicht besser gewusst, so hätte es steif und fest behauptet, der Zauberer wollt den Stein ausbrüten. Wobei es sich doch wunderte, wozu ein Küken aus Stein denn gut sein könnte. Essen konnte man es sicher nicht, und steinerne Federn waren zu hart für eine Kissenfüllung. Und wenn man denn nun doch das Kissen damit zu füllen gedachte, was hät‘s für einen Zweck? Da könnte man doch gleich auf einem Stein schlafen und sich die Arbeit sparen. Da hätte es über das Sinnieren hinweg beinah den Zauberer vergessen, und eilte nun ganz erschrocken hinterher, um nichts zu verpassen. So lugte das Auge durch die Ritzen des Turms, um einen Blick auf den Zauberer und seine Tat zu erhaschen. Doch der, ganz widersinnig, schien nur mit einem feinen Pinsel sich etwas auf die Handfläche zu schreiben. Oder hielt er etwas darin versteckt? Das Auge wurde immer neugieriger! Was er wohl macht? Und ob man Ihn endlich dafür beim Dorfwächter anklagen könnte? Da legte der Zauberer auch schon den Pinsel beiseite und ging wieder hinaus zur Tür, sein Geheimnis sicher in seiner Hand verbergend.

Da war auch schon das Auge und guckte ganz fröhlich zu. „Hach Zauberer, was machst da? Was machst du da!“ Doch der Zauberer beachtete es garnicht, sondern holte tief Luft und blies den heißen Odem in seine Hände. Und plötzlich regte sich etwas, brach aus seinen Händen hervor. Mit jedem Atemzug des Zauberers wurde das runde Ding größer und größer, bis es ein riesiger, kugelrunder Luftballon war, auf den er ein großes Auge gepinselt hatte. Der Zauberer machte einen Knoten, damit die Luft nicht entweichen konnte und ließ den Luftballon dann los, der gleich fröhlich in den Himmel hinauffuhr und es sich recht bequem neben dem Auge im Himmel machte. Doch dieses war ziemlich erbost über den Emporkömmling, der ihn da so feist und frei anstarrte.

„Ja was soll denn das, ich beobachte hier, schleich dich du von dannen!“ Doch der Luftballon bewegte sich nicht, drehte sich nur einmal behäbig um sich selbst, bis das gemalte Auge wieder in die Richtung des Echten blickte.

„Wie? Was fällt dir ein, mich zu beobachten! Du beobachtest den Falschen und willst nicht weichen? Deiner werde ich schon habhaft. Mach du nur einen falschen Schritt und die Welt wird’s erfahren!“ Mit ergrimmten Blicke starrte das Auge auf seine Konkurrenz, ließ nicht ab den schweren Blick von dem gemalten Emporkömmling. So kam es, dass seither bei Zauberer Zordaraks Turm ein Auge im Himmel unablässig einen Luftballon beobachtete. Und manchmal, so ganz still und heimlich, tuschelten die Dorfbewohner was Zordarak doch für ein mächtiger Zauberer sei und mächtig wunderlich noch dazu, denn wer würde schon ein Auge in den Himmel zaubern, nur um einen Luftballon zu beobachten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.