Verlangen (Kurzgeschichte)

Ich lebe allein.
Na gut, das stimmt so nicht, ich habe ein paar Freunde und ich treffe mich auch mit Ihnen. Trotzdem bin ich allein, denn wonach ich mich sehne ist für mich unerreichbar. Mein Name ist Karen, 23 Jahre alt und dies ist mein Abschiedsbrief. 2 lange Jahre habe ich versucht, weiter zu leben doch kann ich nicht mehr. Eine Mörderin verdient keine Vergebung.
Heute Nacht werde ich mich umbringen. Ich werde es zumindest versuchen, denn meine Wunden heilen schnell.
Diesen Brief hinterlasse ich euch, meinen Freunden, damit Ihr versteht, warum ich es getan habe. Zum Schutz. Schutz vor dem Monster in mir.

Mein Vater starb früh. Vielleicht war es meine Schuld. Aber ich weiß es nicht. Ich war ein normales Kind, vielleicht etwas aufgeweckter als die anderen, vielleicht auch nicht. Das dachte ich zumindest. Nun, etwas war schon damals besonders. Ich war sehr anhänglich. Ich meine, sehr. Wen ich traf, wollte ich umarmen, mich in Ihn kuscheln. Händchen halten, Küsschen, nach jeder Form von Körperkontakt sehnte ich mich und kostete Ihn aus, solang es nur ging. Wenn mein Vater mich zu Bett brachte, musste er sich zu mir legen, denn ich ließ erst los, wenn ich schon lange eingeschlafen war und die Kraft in meinen kleinen Fingern sich verlor.
Was es bedeuten sollte, lernte ich erst später.

Meine Pubertät begann, als ich 11 oder 12 war. Mein Körper änderte sich, wurde sensibler. Bei anderen Mädchen passierte das natürlich auch, doch bei mir war es extrem. Ein Streicheln über die Haare, eine sanft aufgelegte Hand… Jede Berührung löste in mir eine Explosion aus. Die Welt wurde dunkler, Adrenalin pumpte bis in den spitzesten Teil des kleinsten Fingers, Muskeln verkrampften sich, pulsierten unter der Haut, elektrische Spannung lies meinen Körper vibrieren in Ekstase. Dunkle Gefühle, die ich nicht verstand, fluteten mein Bewusstsein, umschlangen mich, pressten sich an mich, machten mir Angst.
Mit der Zeit lernte ich, es zu kontrollieren, zu unterdrücken. Doch es war immer da, begehrte Einlass. Begehrte mich. Erst später fiel mir auf, dass es nur passierte, wenn es die Berührung eines Mannes war. Ich begann, nur noch dicke, langärmelige Kleidung zu tragen, selbst in der größten Hitze.

Mit 15 hatte ich meinen ersten Freund. Dani. Ich mochte Ihn. Die anderen Mädchen in der Klasse zogen mich schon auf, weil ich die einzige war, die bis dahin noch keinen Freund hatte. Ich seie unreif. Ein Küken. Ein Kleinkind. Unbegehrenswert mit meinen kleinen Brüsten. Dabei waren die der Anderen auch kaum größer. Jungfrau. Jungfrau. Als sei das eine Beleidigung. Selbst meine zwei Freundinnen machten sich hinter meinem Rücken über mich lustig.
Ich mochte Dani, aber es war schwierig. Wenn er versuchte meine Hand zu halten wurde ich schwer atmig, hatte das Gefühl zu versinken. Wir gingen ins Kino, spazierten an schönen Tagen gemeinsam durch die Ortschaft, teilten uns Eisbecher in der Eisdiele. Meine Mutter war glücklich.
Es war fast platonisch, doch ich merkte, dass er mehr wollte. Er sprach es nicht aus, dazu waren wir als Kinder auch noch zu unreif, doch ich spürte, wie er drängte. Er wollte mich berühren, meinen Körper fühlen.
Eines Tages; ich war wieder bei Ihm zuhause; sagte er mir, er würde sich von mir trennen, wenn es so weiterging. Er sprach es nicht aus, doch ich wusste, was er meinte. Ich bekam Angst. Aber es war weniger die Angst, Ihn zu verlieren, als die Angst wieder dem Gerede der anderen Mädchen ausgesetzt zu sein. Erbarmungslos, unnachgiebig . Schmerzhaft.

Ich ließ Dani gewähren. Langsam ließ ich meinen Rücken auf die Polsterung seines Bettes gleiten, jede Faser angespannt in Furcht vor dem, was kommen würde. Meine Hände gruben sich tief in die Bettdecke, suchten halt und klammerten sich verkrampft fest. Ich ließ mein linkes Bein vom Bett baumeln, die Schuhspitze berührte noch den Teppich. Der Kontakt zum Boden beruhigte mich etwas, gab mir das Gefühl, flüchten zu können, sicher zu sein. Auch wenn es dazu führte, dass sich meine Schenkel weit voneinander spreizten wie eine obszöne Einladung.
Unsicher griff er meinen Pullover und schob Ihn zitternd hoch. Ich konnte nicht sehen was er tat, durch den zusammengeschobenen Stoff über meiner Brust, ohne den Kopf heben zu müssen. Ich hatte Angst davor und drehte meinen Kopf stattdessen der Wand zu, als wollte ich mich in Ihr vergraben und schloss die Augen.
Die Berührung! Seine Hände fingen an, vorsichtig über meinen Bauch und meine Seiten zu streichen. Jeder sachte Kontakt unserer Haut wie ein elektrischer Schlag, der meinen Körper durchfuhr und sich verräterisch in meinem Unterkörper sammelte. Lies mich zittern, lies mich zucken in einem Körper, der nicht mehr der Meine war. Ich verlor mich, glitt hinab in die Dunkelheit. Jedes Geräusch verschwand in einer dumpfen Nacht.
Ich schwebte durch das Nichts für eine gefühlte Ewigkeit, ohne Gedanken, ohne begehren. Nur Wärme. Ich weiß nicht, für wie lange, vielleicht waren es nur ein paar Sekunden, doch es konnten ebenso gut auch Jahrhunderte gewesen sein. Langsam schälte sich ein Licht aus der Dunkelheit, rot und flackernd wie eine Fackel, vermehrte sich, ohne doch die Welt um sich zu erhellen. Sie bewegten sich, tanzten, wirbelten um mein körperloses Ich. Die Stille löste sich, wurde eingenommen von Stimmen. Lustvolles Stöhnen drang zu mir, füllte mich aus. War es meine Stimme? Schreie, rufe, Choral, vermengt zur Unkenntlichkeit. Rhythmische Stöße, kraftvoll. Sie brandeten über mich hinweg wie das wummernde Geräusch alter Trommeln, gaben meinem Nichts wieder eine tanzende, zuckende Form. Ich spürte es, spürte Ihre nähernde Anwesenheit. Größer. Weiter. Unfassbar.

Als ich aus der Ewigkeit wieder zu mir kam, war ich allein. Sie hatten Dani ins Krankenhaus gebracht. Er brauchte mehrere Wochen, bevor er wieder entlassen werden konnte und selbst danach dauerte es noch einige Zeit, bevor er wieder kräftig genug war, ohne Hilfe zu gehen. Zeitweilige, psychische Degeneration nannten Sie es, denn körperliche Probleme konnten Sie keine finden. Natürlich blieben wir nicht mehr lange zusammen. Er hatte Angst davor entwickelt, mich zu berühren und bald machte Ihm schon mein Anblick Angst. 3 Monate später ließ er sich auf eine andere Schule versetzen.
Mir ging es gut, man hatte mich noch in meiner Kleidung ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte behielten mich nur für zwei Tage da, und das auch nur, da Sie fürchteten, ich würde dieselben Symptome zeigen, nur verzögert.
Die Mädchen in meiner Klasse hänselten mich auch nach der Trennung nicht wieder. Sie sprachen gar nicht mehr mit mir, flüchteten aus meiner Nähe, als wäre ich ansteckend. Nur manchmal hörte ich Sie flüstern, wenn Sie glaubten, ich würde es nicht hören. Es war nur ein Wort, doch ich wusste, dass Sie mich meinten. Hexe.

Lange Zeit hatte ich keine Freunde. Die Mädchen schnitten mich und von den Jungs hielt ich mich fern. Ich wusste nicht, was damals passiert war, doch ich wusste, unterbewusst, dass es meine Schuld war. Ich schloss die Schule ab und mietete ein Zimmer in der Stadt. Mutter war nicht glücklich darüber, aber ich wollte Sie schützen, wusste nicht, ob ich Ihr versehentlich dasselbe antun würde wie Dani durch meine Berührung.
Bald fand ich einen Job und lernte neue Leute kennen, machte Freundinnen. Immer noch versuchte ich, mich von Männern fern zu halten, doch ich konnte dem Diktat meines Körpers nicht entkommen. Jeder Tag, jede Stunde ein Kampf gegen den Drang nach Nähe, nach Zuneigung. Nach Sex. Ich berührte die Finger der Kassierer, lies meine Fingerkuppen sanft über Ihre Handinnenflächen streichen, stieß gegen vorbeigehende, fremde Männer für einen Moment des Körperkontaktes und schämte mich dafür.
Die Tage vergingen und es wurde schlimmer. Ich konnte nicht mehr schlafen, konnte nicht mehr Essen. Der Drang, die Sehnsucht fraß mich auf. Es fühlte sich an, als würde meine Seele brennen.

Ich ging in Diskotheken und Bars in völlig fremden Städten. Stundenlange Fahrten, nur um eine Unbekannte zu bleiben. Immer wieder fand ich Männer, die bereit waren, mein Sehnen zu stillen. Sie nahmen mich mit zu sich, ich gab mich Ihnen bereitwillig hin. Immer drohte ich abzugleiten, in der tiefen Dunkelheit zu versinken, in die es mich zog. Der Schmerz, sich zu widersetzen war größer, als der Schmerz der unbefriedigten Sucht. So nah und doch so fern!
Alle waren Sie leidenschaftlich, jung und kräftig. Aber ich konnte es sehen. Jede Sekunde, jeder Moment, in dem wir einander hingaben ließ Sie schwächer werden. Als würde das Leben aus Ihnen fließen. Wieso nur? Wieso nur tat ich Ihnen das an und konnte doch nicht anders! Ich hatte Angst. Angst vor mir. Angst um Sie. Angst, Sie zu töten, wenn ich auch nur einmal dem Weg in die Düsternis folgte, die mich rief.

Bald suchte ich nur noch nach der Gesellschaft ganzer Männergruppen, in der Hoffnung keine Gefahr mehr zu sein, wenn die Gruppe nur groß genug wäre. Es war so einfach, Sie zu finden, als hätten Sie nur auf mich gewartet. Zu viert, zu fünft lud ich Sie ein. Doch ich brauchte etwas, um mich nicht selbst zu verlieren, musste mich distanzieren. Durfte nicht loslassen, nicht frei sein. Ich hatte einiges probiert, Lederkleidung, Augenmasken, doch es brachte alles nichts. In meiner Verzweiflung kaufte ich eine alte Gasmaske auf einem Flohmarkt. Es wirkte. Zumindest minimal.
All die warmen Hände auf meiner Haut! Zärtlich, suchend, begierlich, glitten Sie über mich, erforschen jeden Winkel meines Körpers, drangen in mich ein, kneteten meine Brüste, streichelten meinen Hals. Schwere Atemstöße entglitten mir. Die Ekstase durchzuckte mich wie ein Blitzgewitter, Intensiv, hart, verwischte die Grenze zwischen Mir und der Realität. Dumpfe Erinnerungen versuchten sich zu erheben, grobe Schatten tanzten vor meinen Augen, während ich dem Abgrund entlang tanzte.
Krankenwägen wurden zu Dauergästen in den Wohnungen, in denen ich mich in der Hoffnung aufhielt, die Schmerzen meines Dranges zu lindern. Gerüchte begannen die Runde zu machen von einer Frau, die untreue Männer zu sich einlud, um Sie zu vergiften.

Ich gab auf.

Zwei weitere Jahre vergingen in Einsamkeit. Jeder Tag unerträglich, jede Minute ein Horror, dem ich nicht entkommen konnte schleppte ich mich dahin. Dann traf ich auf Leon. Es war Liebe. Zum ersten Mal seit Jahren war ich glücklich.
Ich… Ich wollte das nicht. Ich wollte Ihn nicht töten. Wenn ich Ihm doch nur nie begegnet wäre! Doch ich kann es nicht rückgängig machen. So dumm! Ich glaubte wirklich mit Ihm zusammen sein zu können. In all der Zeit, den Kinobesuchen, den Partys, den stillen, gemeinsamen Stunden, dachte ich wirklich, es gäbe eine Chance für uns. Ich hätte es wissen müssen! Dabei flammte mein Körper nur noch intensiver auf unter seiner Berührung. Wenn wir Händchen hielten trug ich Handschuhe, trotzdem durchzuckte es mich und wenn er mich küsste; es war als würde ich den Verstand verlieren.
Fast ein Jahr lebten und liebten wir uns wie kleine Kinder trotz Schmerzen, die mich kaum noch aufrecht gehen ließen. Doch er wollte mehr als eine platonische Beziehung. Die ersten Monate gab er mir noch Zeit, zeigte Verständnis für etwas, das ich nicht erklären konnte. Doch mit jedem Monat wurde er zudringlicher, bis er jeden Abend verhandelte. Bettelte. Flehte.
Ich… Ich konnte mich doch nicht ewig Ihm verweigern?

An dem schicksalhaften Abend wollte ich ganz für Ihn sein, wie er es sich gewünscht hatte. Ich zog ein purpurnes Negligé an und bedeckte mich mit einem dünnen Seidenmantel. Dann trat ich in unser Schlafzimmer, wo er mich erwartete. Dutzende Kerzen erhellten den Raum. Der Duft von Bienenwachs erfüllte den Raum. Vereinzelte Rosenblätter kitzelten meine nackten Fußsohlen als ich langsam auf Ihn zuschritt. Wie schön er aussah! Er blickte zu mir auf und ich ließ den Seidenmantel achtlos hinter mir herabrutschen. Sein Lächeln ließ meinen Körper beben. Ich konnte nicht mehr, brauchte Ihn, wollte Ihn, nur Ihn!
Animalische Hitze füllte meinen Körper aus und ich gab mich Ihm hin. Jede Berührung seines Körpers wie eine Explosion der Sinne auf meiner Haut. Sein wunderbarer, warmer Atem in meinem Nacken, als er mir ins Ohr flüsterte… Ich liebe dich.
Alles wurde schwarz um mich, selbst Leon begann zu verblassen. Ich griff nach Ihm, verzweifelt, blickte in sein gnadenvolles Gesicht. Dann war ich bereits in der Dunkelheit versunken.

Die Ärzte sagten mir, es wäre nicht meine Schuld, plötzlicher Herzstillstand könne vorkommen bei anstrengenden Betätigungen. Doch jedes Mal, wenn ich den Spiegel blicke, sehe ich in meinen Augen den schwarzen Abgrund, spüre wie er mich ruft.
Es kann keine Gnade für mich geben, denn es ist meine Bestimmung.
Und dann höre ich Sie. Die Trommeln. Ihre Rufe und Schreie, bedrohliche Gebete wie Sie schon vor 10.000 Jahren in den dunklen Höhlen der Menschen erklangen, als Sie gerade erst lernten, das Feuer zu bändigen.
Hunderte Augen, gerichtet auf das Schauspiel. Die Priesterin, jung und schön, Ihr Stöhnen erfüllt die Höhle. Es pulsiert in Ihr, das Verlangen, ruft die Männer. Sie können nicht wiederstehen. Heiße Hände fahren über Ihren Körper, suchen, greifen, tasten.
Eine Orgie auf den Leichen jener, die der Fluch in dieser Nacht schon getötet hat. Noch viele weitere werden es werden zu Ehren der finsteren Königin. Brüste und Becken tanzen, zarte Münder geben harte Küsse, beißen, krallen. Mehr, mehr, immer mehr.
Tausend Generationen verschmelzen zu einem Körper. Ich verliere mich, gleite hinab in die Tiefe. Sie warten. Warten auf die Worte der finsteren Königin, die ich Ihnen bringen soll. Ich spüre wie Sie mich umfängt, über mich hinweg brandet wie die Wellen über ein Sandkorn und spüre Ihren Namen.
Almequi.

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